Viewpoints: Was ist denn das?


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Theater entsteht in Raum und Zeit, und durch Bewegung. Viewpoints ist eine darauf aufbauende Trainings-Methodik, in der wir uns regelmäßig üben.

Wir verstehen es dabei mehr als einen offenen Prozess, als eine starre Technik.

Viewpoints hat seinen Ursprung im amerikanischen Tanz-Theater und ist ein nicht-psychologisches Improvisationstraining.


Basis des Viewpoints Trainings: Raum, Zeit und Bewegung

Die Prinzipien von Viewpoints sind zeitlos: Raum, Zeit und Bewegung spielen in jedem theatralen Vorgang eine wichtige Rolle. Ende der 80er Jahre haben Anne Bogart und Tina Landau die Viewpoints in 4 zeitliche und 5 räumliche eingeteilt.

Diese insgesamt 9 Viewpoints bilden die Basis für unser regelmäßiges Training. Wir benutzen sie als Arbeits-Sprache, mit der wir einander präzise und nicht-psychologisch beschreiben, was auf der Bühne passiert.


Genau wahrnehmen und präsent handeln

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Gleichzeitig sind die 9 Viewpoints auf der Szene wichtige Punkte der Aufmerksamkeit, die unsere Wahrnehmung füreinander und unsere jeweiligen Handlungen schärfen.

Die Viewpoints-Methode eignet sich wunderbar, um Schauspieler:innen fortlaufend zu trainieren. Weiters können dadurch Ensembles aufgebaut und zusammengeführt werden. Diese sind bald miteinander in der Lage, Bewegungen für die Bühne zu erfinden, stark und spontan aufeinander zu reagieren, sowie Abläufe präzise zu wiederholen.


Die 9 Viewpoints im Überblick:

TEMPO - tempo

Tempo beschreibt, wie schnell oder langsam eine bestimmte Bewegung oder Bewegungs-Sequenz ausgeführt wird.

Dauer - duration

Dauer beschreibt, wie lang oder kurz eine Bewegung dauert. Natürlich kann mit Dauer auch eine ganze Abfolge von Bewegungen einer Einzelperson beschrieben werden oder einer Gruppen-Aktion.

Wiederholung - repetition

Wiederholung beschreibt, wie oft eine innere oder äußere Bewegung wiederholt wird. Dabei sind innere Wiederholungen im Viewpoints-Kanon solche, die ein und dieselbe Person mehrmals hintereinander ausführt: z.B. wenn eine Performerin den Oberkörper 99x nach unten abwinkelt, um sich danach wieder aufzurichten. Eine äußere Wiederholung ist dadurch charakterisiert, dass eine Person auf der Bühne etwas wiederholte, was eine andere gerade eben oder vor einiger Zeit getan hat.

Kinästhetische Reaktion - kinesthetic response

Eine kinästhetische Reaktion ist die spontane körperliche Reaktion auf eine Bewegung von außen. Beispiel: eine Person springt in die Luft und eine andere fällt als Reaktion darauf zu Boden.

Räumliche Beziehung - Spatial Relationship

Räumliche Beziehung beschreibt die Entfernung zwischen Objekten oder Menschen auf der Bühne und in welchen Verhältnis sie sich zueinander befinden. Hier liegt der Fokus auf unterschiedlichen Personen-Konstellationen und Kräfteverhältnissen: z.B. wie sich eine Einzelperson in Bezug auf die restliche Gruppe positioniert oder wie verschiedene Gruppen-Teile sich im Raum zueinander verhalten.

Gestalt - Shape

Gestalt beschreibt die äußere Form eines Körpers im Raum, die Silhouette. Motto: wenn der Körper als Schattenriss sichtbar wäre, was würden wir dann als Umriss sehen? Gestalten können stationär sein, sich also nur an einem Ort befinden. Oder sie können durch den Raum bewegt werden.

Geste - Gesture:

Geste beschreibt die Bewegung eines bestimmten Körperteils oder des gesamten Körpers. Jede Geste hat einen klar definierten Anfang, einen Mittelteil und einen Endpunkt.

Architektur - architecture:

Architektur beschreibt alles, was die Körper im Raum umgibt: Böden, Wände, Licht und Schatten, Materialitäten und Einrichtungsgegenstände. Im Fokus steht hier, wie sich Körper zu Architektur verhalten und mit ihr eine Wechselbeziehung eingehen.

Bodenmuster - Floor pattern

Bodenmuster beschreibt den Weg des Körpers durch den Raum: hier liegt der Fokus auf dem Muster, das auf dem Boden durch eine Bewegung entsteht. Das Vorstellungsbild dazu: wenn du rote Farbe an den Fußsohlen hättest, welches Muster würden deine Schritte dann auf dem Boden hinterlassen?


Warum wir miteinander Viewpoints trainieren

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Das regelmäßige Training unterstützt uns dabei, auf der Bühne 'aus dem Kopf raus zu kommen'. Es führt uns zu einer feineren Selbstwahrnehmung und schult gleichzeitig die Aufmerksamkeit für die Gruppe und die Umgebung.

Wir arbeiten nur mit dem, was gerade da ist und versuchen, präsent von Moment zu Moment zu reagieren. Dadurch üben wir uns im Wahrnehmen, Annehmen und Antworten.

Wir schätzen die 9 Viewpoints als eine Alternative zu konventionellen Ansätzen beim Schauspielen, Inszenieren oder Beschreiben.

Viewpoints ist nicht-hierarchisch, immer praktisch orientiert und entsteht aus einem kollaborativen Ansatz: es lädt dazu ein, wahrhaft gemeinschaftlich zu arbeiten und zu entwickeln.